Förderverein
Bildung für Kranke
Kinder und Jugendliche
München e.V.

Vilshofener Straße 6a
81679 München
Tel. 089-981 048 71 (AB)
Fax 089-981 086 22
info@bildung-bei-krankheit.de

Spendenkonto
Stadtsparkasse München
IBAN: DE14 7015 0000 0053 1438 89
BIC: SSKMDEMMXXX

Katrin

Magersucht: Meine Geschichte

Ich weiß nicht genau, wieso ich vor 6 Jahren angefangen habe magersüchtig zu werden. Doch es war viel Durcheinander in meiner Familie und auch sonst so viel: Zahnspange, Heuschnupfen, Aufstieg ins Gymnasium. Und dass meine Cousine gemeint hatte, ich wäre zu dick. Damals war ich 1,45 m groß und wog 35 kg. Dann fing ich an mich dauernd zu wiegen. Ich wollte weder ab- noch zunehmen. Ich verglich mich nun mit dem Essverhalten und auch mit der Figur mit meinen Freundinnen. Da ich weder zu- noch abnehmen wollte, war ich so darauf aus, nicht zuzunehmen und nahm ab. Irgendwie dachte ich dann, wenn du abnimmst dann kannst du umso mehr essen um zuzunehmen. Als ich dann unten auf 30 kg bei 1,47 cm war, meinten meine Eltern, sie müssten mich jetzt in die Kinderklinik geben. Wir wussten aber nicht, ob es etwas Organisches war, oder Magersucht ist. So ging ich dann mit 28 kg in die Klinik. Dort stellten sie fest, dass ich Magersucht habe. Anfangs wollte ich nur weg aus der Klinik. Doch mein Essen wurde immer weniger. Ich musste nun unter Aufsicht hochkalorische Flüssignahrung trinken, 3mal täglich 300 ml Bioni. Dies gab es in verschiedenen Geschmacksrichtungen wie Himbeere, Vanille, Schoko. Irgendwann nach ca. drei Wochen wollte ich nur noch heim und aß viel. So kam ich mit 32 kg heim und ging ambulant zu einer Therapeutin, wo ich bis 36 kg zunahm. Aber nach ca. einem halben Jahr nahm ich wieder auf 28 kg ab. Und wurde deshalb in die Kinder und Jugendpsychiatrie eingeliefert.

Als ich das erste Mal eine Magensonde gelegt bekam, tat es anfangs ganz schön weh. Sie schoben mir die Sonde durch die Nase bis in den Magen. Zum Schluss, als ich sie schon mindestens 10 mal hatte, merkte ich nicht mehr so viel.

Nach fünf Monaten wurde ich mit 35,3 kg entlassen. Mein Zielgewicht lag damals bei 39 kg. Die 35,3 kg waren aber viel angetrunkenes Wasser. Die Ärzte waren nicht zufrieden. Doch meine Familie und ich waren überzeugt, dass ich es schaffen würde.

Einen Monat ging alles gut, dann wurde ich wieder mit 28 kg in die Kinderklinik eingeliefert. Ich aß zu der Zeit nur abends etwas Grießbrei mit Wasser-Milch und trank nur ein Glas Wasser. Die Ärzte in der Kinder-Klinik hatten mir gleich eine Infusion gelegt. Ich kämpfte dagegen an, jede halbe Stunde ging ich aufs Klo, um 100 Kniebeugen zu machen und zu pinkeln, denn das Wasser der Infusion musste raus aus mir und die kcal vom Fresubin auch. Nachts ging ich jede Stunde aufs Klo. Die Folge: ich musste immer mehr Fresubin trinken. Die Schwestern wurden immer strenger. Als ich dann vier Flaschen Fresubin bekam (2600-2800 kcal), hielt ich es nicht mehr aus. Und so floh ich dann in die Kinder und Jugend-Psychiatrie. Dort ging es mit den Kniebeugen noch krasser weiter, ich ging alle fünf Minuten und nachts alle zwei Stunden auf Klo, pinkelte und machte 200 Kniebeugen. Nun kam ich in den Sondenbereich. Nach drei Monaten flog ich raus. Meine Therapeutin zu Hause machte mit mir einen Vertrag: wenn ich unter 30 kg rutschen würde, muss ich in die Klinik. Nach einer Woche war es schon wieder so weit: die Ärztin ließ mich einweisen, und ich war wieder in der Klinik. Dort war alles viel strenger als vorher. Man lag den ganzen Tag mit Sonde im Bett und durfte nur dreimal pro Tag aufstehen und eine Viertelstunde laufen oder sich eine Viertelstunde mit irgendwas beschäftigen. Erst wenn man 1 kg zugenommen hatte, durfte man die nächste Stufe im Plan machen. Es kamen Therapien + Essen + Handsondierung mit Ruhezeit dazu. Handsondierung ist, wenn einem die Pflegerin das Fresubin per Sonde direkt in den Magen spritzt. Mein Ausgangsgewicht war 30 kg bei 1,51 cm und mein Entlassungsgewicht war 39 kg. In der Klinik gaben sie mir auch viele Medikamente, Psychopharmaka. Bei mir probierten sie ziemlich viel aus. Wegen meinem Bewegungsdrang. Doch nichts nützte. Nach sieben Monaten wurde ich in ein Beratungs- und Behandlungs-Zentrum entlassen. Mit der Begründung der Ärzte, dass es daheim nicht funktioniert. Doch wenn ich am Tagesurlaub heim durfte, aß ich nichts, weil ich mich von meinem Bewegungsdrang erholen wollte und dem Druck mit dem Essen. Das musst du tun! Dies darfst du nicht! …. Das machte mir voll Druck. Dauernd diese dummen Vorschriften. Ich wollte selbst entscheiden! Doch den Ärzten sagte ich dies nicht. Mir war es nicht so klar wie heute! Aber im Beratungs- und Behandlungs-Zentrum wollte ich nicht bleiben, so ging ich wieder in die Klinik und dachte mir im Hinterkopf, wenn du in die Klinik gehst, dann darfst du vielleicht heim. Aber alles wurde immer zum Gegenteil. So ging ich von November 2001 bis Februar 2002 in die Klinik. Sie gaben mir dort von November bis Januar ein völlig blödes Medikament, das gegen den Bewegungsdrang helfen sollte. Doch dieses Medikament war für mich der Horror. Ich schlief in der Schule ein, ich konnte nicht mehr denken, schrieb nur noch 6er und fiel schon um 20 Uhr todmüde ins Bett. Gesprächsstoff fiel mir auch nicht mehr ein. Ich lief auf der Stelle um dagegen anzukämpfen. Und der Bewegungsdrang wurde nur noch schlimmer. Mein Vater und ich setzten uns dafür ein, dass das Medikament abgesetzt wird, doch dann, als ich das dritte mal in der Klinik war, wurde alles noch strenger. Ich durfte nicht mehr tun, mich nicht mehr bewegen. Natürlich legten sie mir auch eine Sonde. Und die ganze Zeit saß ein Zivi an meinem Bett und bewachte mich. Von Februar bis August 2002 war ich wieder im Beratungs- und Behandlungszentrum. Hier wurde das Alltagsleben geübt. Ich ging dort in die Heim-Schule, dann sagte mir die Lehrerin eines Tages, nun bist du auf der Hauptschule. Das war auch ein Grund, wieso ich im Dezember 2002 nochmal in die Klinik bin. Es war so niederschmetternd, ich war vorher auf dem Gymnasium. Jedenfalls war ich dort bis August 2002. Im August ging ich heim, obwohl die Ärzte meinten, dass ich es eh nicht packen würde, aber meine Familie und ich waren davon überzeugt es zu schaffen. Nach Monaten bekam ich dann Bulimie. Bulimie ist eine Ess-Brech-Sucht. Man stopft Unmengen Essen in sich hinein und kotzt dann alles wieder raus um nicht zuzunehmen. Ich nahm von 40 kg auf 32 kg ab bei einer Größe von 1,54. Eigentlich dachte ich immer, wen ich auf mein Niedrigstgewicht komme, esse ich wieder ohne zu kotzen. Doch das ging nicht. Ich wurde mit starkem Kaliummangel in eine Kinderklinik eingeliefert. Hier ist es ganz anders als in den anderen Kliniken, man kann selbst entscheiden, wie viel man isst und an was man arbeiten will. Man übernimmt selber wieder seine Verantwortung übers Essen. Es fällt mir zwar schwer, weil ich die letzten Jahre die Verantwortung abgenommen gekriegt habe. Aber es geht besser, als wenn man gezwungen wird, denn so ist es kein Gegeneinander. Nur selbst kann ich mich ändern, kein anderer kann mich verändern. Ich werde alles versuchen um es zu schaffen.

Zurück